"Aber die Siedlungen..."


STANDPUNKT

«Aber die Siedlungen …»

Richard C. Schneider, 6. Februar 2015

In diesen Wochen durch Europa zu reisen, ist wirklich interessant. Sämtliche Talkshows haben nur noch ein Thema seit Paris: den Islamismus. In Deutschland kommt dann noch ein bisschen «Pegida» dazu, aber ansonsten geht’s um den islamistischen Terror und um die Frage, ob dieser mit dem Islam gleichzusetzen ist oder nicht. Alle Politiker wiederholen mantramässig, dass dem nicht so sei, treffen politisch korrekt eben die Unterscheidung zwischen guten und bösen Muslimen. In manchen Medien aber wird inzwischen ein direkter Zusammenhang gesucht. «Focus» titelte provokant ein «Doch», dass der Islamismus eben doch etwas mit dem Islam zu tun haben könnte, und manche Nahost-Experten sind inzwischen auch bemüht, da einen Konnex zu suchen. Alles in allem aber zeigt diese aufgeregte mediale Kakophonie nur, dass niemand eine Antwort auf all die Fragen hat, die sich seit Paris (seit Paris erst?) stellen. Aber eins wissen alle, oder, um genau zu sein, alle diejenigen, die ich in den vergangenen Wochen traf, genau: Das eigentliche Problem des Nahen Ostens sind die israelischen Siedlungen. Wen auch immer ich traf in den letzten vier Wochen, die Unterhaltung lief zu Beginn stets so ab: «Ach, Sie sind Nahost-Korrespondent, na, sagen Sie mal, dieses Problem mit den Siedlungen, das muss doch gelöst werden, sonst wird der islamistische Terror nie ein Ende finden.» Ich: «Nun, die israelischen Siedlungen sind nicht der Grund für alle Probleme im Nahen Osten.» Das Gegenüber: «Ja, aber wenn’s die Siedlungen nicht gäbe, die sind doch das eigentliche Problem, oder?»
Nun möchte ich hier nicht als Befürworter der Siedlungen missverstanden werden, das bin ich wahrlich nicht, im Gegenteil, ich glaube, nein, ich bin überzeugt, dass Israels Siedlungspolitik den «jüdischen» und «demokratischen» Staat zerstören wird. Entweder wird es einen einzigen Staat vom Mittelmeer bis zum Jordan geben mit palästinensischen Bürgern, die die Mehrheit stellen werden – und damit wäre Israel nicht mehr «jüdisch» –, oder aber die Minderheit (jüdische Israeli) wird über eine Mehrheit (Palästinenser) herrschen und dann wirklich zum Apartheidstaat mutieren, auf alle Fälle dann der Demokratie Adieu gesagt haben.

Doch zurück zu den europäischen Gesprächspartnern. Es ist immer wieder erschreckend, 
wie selbst gebildete Menschen so gut wie keine Ahnung haben, was in Nahost los ist, also im Vorgarten Europas, gerade mal drei, vier Flugstunden entfernt. Und es ist interessant, wie bei vielen ein uralter europäischer Reflex («Die Juden sind schuld an unserem Unglück») einsetzt, um sich die hoch komplexe (und explosive) Lage «einfach» zu reden: Gäbe es die jüdischen Siedlungen (vielleicht sogar ganz Israel?) nicht, dann wären alle Probleme gelöst. Es gäbe keinen IS, keine al-Qaida, keine Hamas, keinen Islamischen Jihad und wie sie alle heissen mögen. Ach ja, und keine iranische Atombombe, nicht wahr?

Ich weiss gar nicht, worüber ich mich mehr aufregen soll, über die aktuelle Lage im Nahen Osten oder die Menschen, die mit altneuen Scheuklappen wie das Karnickel vor der Schlange auf den Nahen Osten starren und nach einfachen Lösungsmodellen suchen. Und dabei immer nur Vorurteile produzieren. Gegenüber Juden und Muslimen.


Richard C. Schneider, geboren 1957 als Kind ungarischer Holocaust-Überlebender, ist seit 2006 Studio¬leiter und Chefkorrespondent der ARD in Tel Aviv, verantwortlich für Israel, die palästinensischen 
Autonomiegebiete und Zypern.


Quelle: Tachles – Das jüdische Wochenmagazin vom 6.2.2015




 
 

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